Hinter diesen Mauern weint die Erde

Konzentrationslager Salaspils in Lettland

Eingangstor des ehemaligen Lagers in Salaspils
Die Mahnung bevor man das ehemalige KZ betritt, lautet übersetzt so viel wie "Hinter diesen Mauern weint die Erde."

Kurz vor dem Ortseingang der lettischen Hauptstadt Riga liegt die kleine Gemeinde Salaspils mit rund 18.000 Einwohnern. Ein großes Waldgebiet am Stadtrand bietet Ruhe und Erholung. Geht man jedoch tiefer in den Wald gelangt man an einen düsteren Ort der lettischen Geschichte.

Ein großer Balken verbirgt zunächst die Sicht auf die weiträumig asphaltierte Fläche. Wie gestürzt liegt er da. In großen Buchstaben steht auf ihm geschrieben: „Aiz šiem vārtiem vaid zeme“ – Hinter diesen Mauern weint die Erde.

Das erweiterte Polizeigefängnis und Arbeitserziehungslager Salaspils wurde Ende 1941 von den Nazis errichtet. Die Funktion dieses Lagers änderte sich ständig und es gibt sogar Pläne, dass es zum Konzentrationslager umgewandelt werden sollte. Dass es sich hierbei aber nie um ein KZ handelte ist nur eine wortfinderische Haarspalterei. Es wurden keine Menschen an diesem Ort vergast, Grausamkeiten und maßenhafte Hinrichtungen waren aber auch hier an der Tagesordnung.

Anfangs diente das Lager der Inhaftierung und Zwangsarbeit der dort untergebrachten Juden. Das kalte Wetter und die lebensfeindlichen Umstände ließen aber nur wenige Menschen länger als ein paar Monate überleben. Ende 1942 befanden sich nur noch 12 Juden auf dem in deutsch genannten Kurtenhof. Viele waren verstorben oder ins das Rigaer Ghetto gebracht worden.

Bis zu 12.000 Kinder waren in Salaspils inhaftiert

In erste Linie war das Lager mit 15 Baracken für rund 1.800 politische Gefangene ausgelegt, die ohne jeglichen Prozess dort interniert waren und für die harte Arbeit auf umliegenden Hofschaften eingesetzt wurden. Im März 1943 wurden sogenannten „Bandenkinder“, bei denen es sich hauptsächlich um verwaiste Kinder handelte, aus dem lettisch-russischen Grenzgebiet in das Lager in Salaspils gebracht. Arbeitsfähige Jugendliche waren für die Arbeit auf Bauernhöfen vorgesehen, andere sollten in Waisenheime gesteckt werden. Wegen einer Fleckfieberinfektion und einer Lagersperre verblieben diese Kinder jedoch längere Zeit in völlig verwahrlostem Zustand in einer gesonderten Baracke im Lager Salaspils, wo sie eingesperrt auf engstem Raum einen grausamen Tod starben.

Die Untersuchungsergebnisse einer sowjetischen Kommision von 1946 nach Kriegsende sprechen gar von 12.000 inhaftierten Kindern (darunter 7000 Juden) von denen viele als Blutspender für verwundete deutsche Soldaten mißbraucht werden sollten, was ihre körperliche Verfassung noch mehr schwächte. Diese Daten sind historisch aber umstritten.

Noch Jahre nach Kriegsende fand man menschliche Überreste

Als gesichert gilt jedoch der Fund eines Massengrabes des Lagers Kurtenhof indem allein 632 Leichen von Kindern im Alter zwischen 5 und 9 Jahren gefunden wurden. Im angrenzenden Wald von Rumbula wurden an nur wenigen Tagen insgesamt mindestens 25.000 Juden aus dem Rigaer Ghetto erschossen. Man stieß noch Jahre nach Kriegsende  im Umfeld auf menschliche Überreste.

Heute ist nur noch wenig vom Lager Salaspils erhalten. Der Großteil der Baracken wurde nach Kriegsende von sowjetischen Truppen zerstört. Die Gefangenen des Lagers wurden zuvor von den Deutschen in andere Läger und KZs verschleppt. Im Jahr 1967 wurde auf dem Gelände eine Stätte zum Gedenken der Opfer und als Mahnmal errichtet. Ein Metronom simuliert durchgehend den menschlichen Herzschlag und ist weiträumig wahrnehmbar.

Der sowjetische Pathos kommt leider mehr zum Ausdruck als die Möglichkeit der Opfer zu gedenken. Es befinden sich große kommunistische Statuen auf dem Gelände, die vorallem die Überlegenheit gegen den Faschismus unterstreichen sollen. Es befinden sich aber nur wenige Spuren die auf die Opfer hinweisen und ein Gedenken an sie ermöglichen. Ein kleiner Ausstellungsraum im Inneren des schweren Balkens am Eingang der Gedenkstätte beinhaltet nur wenige Bilder und Informationen über diesen Ort des Schreckens.

Nur wenige Interessierte finden den Weg nach Salaspils

Obwohl sich das Mahnmal Salaspils in der Nähe der touristisch stark-frequentieren Stadt Riga befindet, verirren sich nur wenige Touristen und Einheimische an diese Stelle im Wald. Oftmals berichten Besucher, dass sie mitten am Tag beinnahe alleine dort waren. Es bedarf auch einiger Nachforschung um den Weg zu finden. Eine Beschilderung ist nur in wenigen Teilen vorhanden.

Ein Ort der als Mahnung an kommende Generationen dienen sollte, der aber aufgrund des sowjetischen Pathos an einem weiteren unliebsamen Besatzer des Landes erinnert. Es ist insgesamt ein schwieriger Ort in einem Land wo immer noch jährlich SS-Veteranen durch die Straßen prozessieren dürfen.

Noch zu Sowjetzeiten widmete die russiche Musikgruppe „Singende Gitarrren“ den getöteten Kindern von Salaspils ein Lied. Darin heißt es sinngemäß: „Das Stöhnen und Schreien kann man nicht mehr hören, nur der Wind erzählt seit Jahren von der schrecklichen Vergangenheit.“

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